Epidemiologie und Ökonomie des Coronavirus

Alle Welt schaut in der Coronakrise auf die Reproduktionsrate R. Ist sie 1, bleibt die Anzahl Infektionen konstant, da ein Infizierter im Durchschnitt nur einen weiteren Menschen ansteckt. Sobald R den Wert 1 übersteigt, kommt es dagegen zu einem exponentiellen Wachstum der Infektionen, eine Entwicklung, die man unbedingt vermeiden möchte, weil sie dazu führt, dass über kurz oder lang die medizinischen Kapazitäten nicht mehr ausreichen, Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf angemessen zu behandeln.

Viel entscheidender als R ist jedoch die Anzahl der Neuinfektionen. Der Lockdown bringt diese Zahl runter und minimiert damit Erkrankungen und Todesfälle des Virus. Im ökonomischen Licht dagegen präsentiert sich der Lockdown ungünstig. Denn das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Eindämmung von Covid-19 verschlechtert sich exponentiell, wenn die Zahl der Neuinfektionen gegen Null gedrückt wird. Je mehr Massnahmen ergriffen werden, umso teurer und umso weniger effektiv werden sie. 

Covid-19 bringen wir nicht mehr aus der Welt. Dagegen hilft nur eine wirksame Impfung, die uns aber vorläufig nicht zur Verfügung steht. Immerhin können wir nach momentanem Wissensstand damit rechnen, dass für eine gewisse Zeit immun bleibt, wer einmal infiziert worden ist. Deshalb setzen viele Experten auf die Massenimmunität. Ich halte das für keine realistische Strategie. Warum? Die Massenimmunität wird bei Covid-19 erst dann erreicht sein, wenn etwa zwei Drittel der Bevölkerung infiziert sind. Wollten wir das in der Schweiz innert zwei Jahren schaffen, bräuchten wir 240’000 Neuinfektionen pro Monat. Dies aber würde das medizinische System zum Überlaufen bringen. Schätzungsweise drei von vier Patienten, die eine Intensivbehandlung bräuchten, könnten sie aus Mangel an Betten, Beatmungsgeräten und ärztlichem Personal nicht bekommen.

Risiken abwägen

Eine gangbare Lösung muss die vernünftige Balance zwischen den Risiken der Krankheit und den Risiken eines teuren Lockdowns finden. Die Ausgangslage dazu ist momentan nicht schlecht. Denn wie hoch ist die Ansteckungsgefahr aktuell überhaupt? Im vergangenen Monat gab es rund 16’000 erkannte Neuinfektionen. Bei einer Teststrategie mit unterstellter Untererfassung um den Faktor 2,7 kommen wir landesweit auf 42’700 monatliche Neuinfektionen. Gehen wir zudem von einer zwei Wochen andauernden Ansteckungsgefahr eines bereits Infizierten aus, haben wir momentan einen aktiven Fall auf 400 Einwohner. Die Wahrscheinlichkeit, diesen in einem öffentlichen Verkehrsmittel zu treffen, ist also gering. Wird das physische Abstandsgebot weiterhin beachtet, bleibt auch die Ansteckungsgefahr in der Schule, am Arbeitsplatz und beim Einkaufen überschaubar.

Selbst wenn die Anzahl Neuinfektionen tatsächlich 42’700 im Monat beträgt, verkraftet dies unser Gesundheitssystem. Bei einer Tödlichkeit des Virus von 0,37% (diese Zahl stammt vom Landkreis Heinsberg am Niederrhein) sind für die Schweiz damit jedoch 158 vorzeitige Todesfälle pro Monat verbunden.

Lebensjahre retten

Die Politik fokussiert seit Beginn der Krise auf die Rettung von Menschenleben. Tatsächlich aber können lebenserhaltende Massnahmen den Tod letztlich nicht verhindern, sondern nur aufschieben. Staatliches Handeln im Sicherheits- und Gesundheitsbereich zielt daher in der Regel nicht auf die Zahl der Leben, sondern auf die Lebensjahre, die gerettet werden können. Bei den bisher gemäss BAG gegen 1500 mutmasslich an Covid-19 Verstorbenen beträgt das durchschnittliche Alter 81,1 Jahre (Männer) und 84,7 Jahre (Frauen). Sie haben statistisch betrachtet je 8,7 (Männer) bzw. 8,1 (Frauen) Lebensjahre verloren. Allerdings hatten 97% eine und die Hälfte von ihnen gar zwei oder drei Vorerkrankungen, so dass mit einem früheren Tod zu rechnen war. Dies mindert keineswegs den individuellen Schmerz, der sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Doch auch die ökonomischen Kosten bleiben nicht abstrakt: Menschen erleiden Einkommensausfälle, verlieren ihre Arbeit oder erkranken. Eine verantwortungsvolle Politik muss daher alle Kosten und Nutzen ihrer Covid-19 Massnahmen gegeneinander abwägen.

Ständerat und Nationalrat beraten in dieser Woche in einer Sondersession über den Lockdown. Falls sie sich mehrheitlich für dessen weitgehende Öffnung aussprechen, wird die Zahl der Neuinfektionen wieder zunehmen. Dies wird uns im ersten Moment erschrecken, aber es würde bedeuten, dass sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Lebens mit dem Coronavirus deutlich verbessert. Denn eines ist klar: an den Gesetzen der Ökonomie und Epidemiologie führt kein Weg vorbei.

16 Kommentare

  1. Guter Beitrag. Ich bin einverstanden, dass wir mit 40,000 Neuinfektionen pro Monat leben können (bzw. müssen). Aber es ist doch gut möglich, dass uns die Öffnung in Richtung der 240,000 pro Monat bringt, die Stefan Felder ja auch vermeiden will. Die Frage ist also nicht Öffnung vs. keine Öffnung, sondern wie stark. Bei wie vielen Neuerkrankungen wären wir bereit, die Wirtschaft wieder zurückzufahren? Auf jeden Fall freue ich mich auf ein produktiveres Arbeitsleben ab nächster Woche, wenn die Kinder wieder in der Schule sind…

    1. 1. Ich verstehe nicht, weshalb die Anzahl der Neuinfektionen wichtiger ist als R, gibt doch R an, ob wir mit einem Anstieg oder Abflachen der Neuinfektionen rechnen müssen.
      2. Wir haben es mit einem Regelungsproblem zu tun: Wie halte ich die Neuinfektionen so gering, dass die Krankenhaus-/Intensivbetten nicht überbelegt sind. Sowie wir ein R grösser 1 haben, müssen wir damit rechnen, dass dies in Zukunft geschehen wird.
      3. Da es darum geht zu verstehen, wie ich das Regelungsproblem löse, sollte es von Interesse sein, zu verstehen, wie die einzelnen Stellschrauben funktionieren, welchen Einfluss sie haben. Wir wissen mittlerweile, dass die Resultate von Verhaltensänderungen ca. nach 14 Tagen zu erkennen sind. Wenn man zuviel parallel zu- und aufmacht, wird es wahrscheinlich schwieriger die Wirkmechanismen zu verstehen.
      4. Die Epidemiologen hatten schon sehr frühzeitig einen 14 tägigen Shutdown angeregt, um die Infektionsherde frühzeitig unter Kontrolle zu bringen. Dem haben damals weder die Vertreter der Politik noch die Vertreter der Wirtschaft zugestimmt. Die wirtschaftlichen Folgen, die wir jetzt alle nach einem 8 wöchigen Lockdown ertragen müssen, sind Ergebnis eines zu kurzfristig ausgerichteten wirtschaftlichen Denkens – und ggfs. eines Nichtverstehens der Exponentialfunktion – in der Politik als auch in der Wirtschaft.

      1. R ist wichtig, ja. Ich wollte die Aufmerksamkeit auf die Neuinfektionsrate richten, wie es Deutschland seit einer Woche tut. 50 Neuansteckungen pro Woche auf 100’000 Einwohner gelten als auffällig. Das wären auf die Schweiz bezogen, 30’000 neue Fälle pro Monat – doppelt so viele wie im April. Wichtig auch, dies räumlich zu beobachten, mindestens auf Kantonsebene. Also neben dem R-Wert, die Anzahl neuer Fälle pro 100’000 Einwohner (oder 10’000, weil bei uns alles etwas kleinräumiger ist) in den letzten 7 Tagen.

  2. Vor noch nicht sehr langer Zeit wurden Schätzungen über das Ausmass und den Wert der Freiwilligen-Arbeit publiziert. Daran beteiligt sind auch die über 65 Jährigen. Wie gross deren Anteil daran ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls bestand die Meinung, dass viele Frauen ihren Beruf nur ausüben können, wenn die Betreuung der Kinder durch Kitas und/oder Grosseltern erfolgen kann. Gerade letztere müssen wegen COVID 19 passen und dies gerade zu einem Zeitpunkt, wo Entlastung wegen Home-Office zur Stressvermeidung ebenso nötig (hoffentlich bald gewesen) wäre. Im guten Beitrag von Herrn Felder fehlt meines Erachtens, dass mit dem Lock-down zum Schutz der Risikogruppe nicht nur Kosten und ein Schutz des Gesundheitssystems vor dem Kollaps erzielt werden, sondern auch pro futuro Freiwilligen Arbeit erhalten wird, die sonst in Zukunft durch bezahlte Arbeit ersetzt werden müsste.

  3. Es geht, wie Stefan so überzeugend und nachvollziehbar begründet, letzlich nicht um Wirtschaft gegen Leben, sondern um die Optimierung der Lebensbedingungen. Der überstrapazierte und zu lange aufrecht erhaltene LOCKDOWN zerstört wohl bereits heute mehr lebenswerte Jahre für die schweizerische Bevölkerung als das Virus.

      1. “ Begründen“ muss theoretisch und empirisch nachvollziehbar sein; aber „beweisen“ kann man in der Oekonomie gar nichts. Eine umfassende Kosten-Nutzen-Abschätzung für die gesamte Volkswirtschaft (wie sie Felder andeutet) würde ergeben, dass die Kosten eines zu langen LOCKDOWN dramatisch ansteigen, während der Nutzen absinkt. Die Risikogruppe dafür sind meine Enkelkinder.

  4. An den Gesetzen der Ökonomie führt der Gedanke vorbei, dass der Wert des Lebens absolut gesetzt werden muss und nicht durch ein statistisches Kalkül relativiert („weniger wertes Leben“) werden darf.

      1. Das Leben ist lebensgefährlich. Ob ich mich aber dieser Risiken bewusst bin und mich ihnen aussetze, oder ob ich diesen Sterberisiken bewusst ausgesetzt werde zugunsten anderer Interessen, ist ein gewaltiger Unterschied.

      2. Das hört sich wie eine Kapitalismuskritik an. Das geht in Ordnung, lieber Herr Kollege Müller.

    1. Was ist Leben? Gilt hier nur Überleben (der älteren Generation) oder auch das Leben der Kinder und Jugendlichen? Kinder, die zur Zeit mit vielen Geschwistern in kleinen Wohnungen sind, die kein Laptop für Home schooling haben, die im Herbst keine Lehrstelle bekommen, weil sie sich nicht bewerben können, deren Eltern arbeitslos geworden sind, die Angst vor der Zukunft haben (weil sie keine sehen). Der Wert des Lebens ist nicht absolut, wenn der Schutz eines Lebens Schaden für ein anderes Leben bedeutet!

  5. Frage eines Laien: Bei welchen Zahlen ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Lebens mit dem Coronavirus optimal? Lässt sich dazu etwas sagen?

    1. Eine genaue Antwort ist angesichts des komplexen Problems nicht möglich. Das muss man graduell angehen. Wir wissen aus der Literatur zur Schweinegrippe, dass Schulschliessungen wenig effektiv und sehr kostspielig sind – zum Glück öffnen die Schulen und Universitäten bald wieder. Investitionen in die Verkehrssicherheit bewertet der Bund nutzenseitig mit rund 200 000 Franken pro gewonnenes Lebensjahr – den gleichen Wert hat auch eine repräsentative Befragung der Schweizer Bevölkerung erbracht. Diese Zahlungsbereitschaft ist ein guter Ausgangspunkt für die Kosten-Nutzen-Analyse von Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus.

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