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Houston, you solved the problem

Wir stecken in einem Dilemma. Zwar lassen scharfe Coronamassnahmen die Infektionskurve abflachen, gleichzeitig verlängert sich aber die Dauer der Pandemie. Das ist mittlerweile für grosse Teile der Gesellschaft und Wirtschaft unerträglich.

Die Hoffnungen ruhen auf den Impfstoffen. Und schon geht das Gestotter weiter. Wöchentlich erhebt die Zürcher Gruppe COVID Norms Daten über die Impfbereitschaft der Schweizer Bevölkerung.[1] Dabei zeigte sich in den letzten vier Monaten des Jahres 2020 ein recht konstantes Bild. Ein Drittel bis 41 Prozent der Befragten lehnt die Impfung ab, zwischen 14 und 21 Prozent sind unentschlossen, zwischen 40 und 48 Prozent sind impfbereit. Es könnte eng werden mit der Zweidrittelmehrheit, die benötigt wird, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Angesichts dieser Zahlen ergiessen sich üble Beschimpfungen über Impfgegner. Nicht verwunderlich ist, dass diese sich radikalisieren, weil eine Mehrheit sie als Idioten beschimpft. Die nächste Eskalationsstufe ist der Ruf nach einer Impfpflicht.

Entgegen anderslautender Beteuerungen kann in der Schweiz ein Impfobligatorium durchaus verhängt werden – zumindest für relevante Gruppen. Rechtsgrundlage wäre Artikel 22 des Epidemiegesetzes: «Der Bundesrat kann Impfungen bei gefährdeten Bevölkerungsgruppen, bei besonders exponierten Personen und bei Personen, die bestimmte Tätigkeiten ausüben, für obligatorisch erklären.» Nur für die Gesamtbevölkerung sind Zwangsimpfungen nicht möglich.

Einen zweiten Weg deutete jüngst die Swiss an, als sie erklärte, eine Impfung könne für einen Teil des Personals erforderlich werden, um den Flugbetrieb durchführen zu können. Tatsächlich kann nicht nur der Bundesrat, sondern auch ein Schweizer Arbeitgeber ein Impfobligatorium durchsetzen. Juristen sagen, das sei einem Impfzwang nicht gleichzusetzen, weil ein Verstoss gegen die Regel «bloss» arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehe. Wer mit der Ablehnung einer Impfung eine relativ einfach vermeidbare Gefahr für andere Menschen am Arbeitsplatz schaffe, verletze die arbeitsvertragliche Sorgfalts- und Treuepflicht. Die Konsequenzen können von Verwarnungen bis hin zur ordentlichen Kündigung des Arbeitsvertrags reichen.

Die öffentliche Diskussion könnte also noch «heiss» werden. Würden Arbeitgeber mit der Keule von arbeitsrechtlichen Massnahmen drohen, dürfte die Radikalisierung von Impfskeptikern und -gegnern noch stärker werden, als sie es jetzt schon ist.

In diesen Kontext platzt eine Meldung aus den USA: Das Houston Methodist Hospital bietet seinen 26’000 Angestellten einen Bonus von je 500 Dollar an, wenn sie sich impfen lassen. Bei einigen Impfgegnern führt das zu Schnappatmung. «Healthcare employees need bribes to take it but I’m sure it’s fine,» liest man in einem der Social-Media-Kommentare, in dem Fall aus der US-Antifa-Szene.

Schnappatmung hindert am ökonomischen Denken. Die Frage ist nur, wer sich genau fehlendes ökonomisches Denken vorwerfen lassen muss. Zentraler Aspekt des Problems sind die externen Effekte. Über den Umgang mit diesen revolutionierte vor etwa 60 Jahren der spätere Nobelpreisträger Ronald Coase das Denken der Ökonomen.[2] Bis heute ist Coases Einsicht nicht überall angekommen. Bisweilen fallen selbst Ökonomen auf allgemein übliche Denkfehler herein.

Folgen wir der Argumentation von Coase: Angenommen, die notwendigen zwei Drittel an impfbereiter Bevölkerung kommen nicht zusammen und das Gewürge mit der Pandemie dauert an: Wer ist die «Verursacher»? Sind es die vielen Impfverweigerer, die sich entsprechend ihrer Präferenzen gegen die Impfung ausgesprochen haben? Das wäre die konventionelle Denkweise. Coase wies darauf hin, dass das Problem genauso gut andersherum gesehen werden könnte: als Verursacher könnte man auch diejenigen ansehen, die auf die Volksgesundheit pochen. Denn gäbe es bei denen keine entsprechende Präferenz dafür, dann gäbe es auch kein Problem.

Coase sieht den Markt als Lösung. Übertragen auf unser Problem sähe eine Skizze wie folgt aus: Man organisiert eine Auktion, in der 33 Prozent der Bevölkerung impffrei bleiben dürfen. Für den Fall, dass die Impfpflicht der rechtliche Normalfall ist, müssten Nicht-Impfwillige bieten, einen «Nicht-Impf-Voucher» zu ersteigern. Falls als Normalfall hingegen keine Impfpflicht besteht, müsste der Staat via Auktion Prämien ausloben, so dass sich genügend Freiwillige finden, die sich gegen die Zahlung der Prämie impfen lassen.

Natürlich ist eine solche Auktion weder ad hoc aufsetzbar, noch würde sie ohne einen grösseren Sturm in den klassischen und sozialen Medien ablaufen. Zu wenig sind wir an solche Denkweisen gewöhnt. Eine ad hoc festgesetzte Impfprämie ist dann vermutlich der zweitbeste Schritt.

Mit 500 Franken Bonus läge man möglicherweise auch in der Schweiz nicht vollkommen daneben. Um 2/3 der Bevölkerung zu erreichen, bräuchte man 2.87 Milliarden Schweizer Franken. Das ist lächerlich wenig gegen die bisherigen Kosten der Pandemie.

Wenn es eine Botschaft der Ökonomen in der Pandemie gibt, dann die, dass die Impfung das billigste und wirksamste Konjunkturprogramm ist: Man könnte rufen, «Houston, you solved the problem.»


[1] https://covid-norms.ch/impfbereitschaft-schweiz/

[2] Coase, R.: The Problem of Social Cost. Journal of Law and Economics 1960.

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