Co-Autor: Christian Rutzer
Seit dem 7. August gelten in den USA 39 % Importzölle auf Schweizer Waren, mit Ausnahme von Medikamenten (noch) und offenbar auch Gold. Warum passiert das und wie sollte die Schweiz reagieren?
1. Wo liegt das Problem?
Vordergründig verweist Washington auf das bilaterale Handelsbilanzdefizit. Letztes Jahr stieg es auf 40 Milliarden USD (siehe Figur 1). Was der U.S. Präsident nie erwähnt: es handelt sich dabei um das Handelsbilanzdefizit nur für Waren (z.B. pharmazeutische Produkte, Maschinen, Uhren). Die Linie in orange in Figur 1 zeigt, dass der Handelsbilanzsaldo bis 2013 ziemlich ausgeglichen war. Seither ist ein bilaterales Handelsbilanzdefizit der USA sichtbar, das insbesondere während der Corona-Pandemie kurzfristig überschoss, was auf eine starke Zunahme der U.S. Importe (primär von verarbeitetem Gold) zurückzuführen ist. Während in den Jahren 2022 und 2023 das Handelsbilanzdefizit wieder auf gut 20 Milliarden zurückging, stieg es 2024 auf fast 40 Milliarden, insbesondere wegen der Zunahme der Schweizer Exporte von Medikamenten und (wieder) Gold.
Figur 1: Das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber der Schweiz
Quelle: Eigene Darstellung auf der Basis von Daten des Bureau of Economic Analysis (https://apps.bea.gov/iTable/?ReqID=62&step=2). Zugriff am 11.8.2025.
Figur 1 zeigt aber auch, dass die USA einen Überschuss im Dienstleistungshandel mit der Schweiz haben, der seit 2013 kontinuierlich anwächst (Linie in grau). 2024 betrug dieser 30 Milliarden USD. Dienstleistungen beinhalten den Austausch von Finanz- und Versicherungsleistungen, Diensten im Tourismus und im internationalen Transport. Dazu kommen zahlreiche «Business Services» sowie Erträge aus dem Bereich der Innovation (z.B. von Patenten und Kopierrechten). Die USA sind im Bereich der Dienstleistungen sehr stark, traditionell in der Film- und Unterhaltungsindustrie, im Investmentbanking und seit einigen Jahren immer mehr auch in der Entwicklung neuer Digitaltechnologien und Plattformen durch U.S. Firmen wie Microsoft, Google oder Amazon. Diese Leistungen werden auch in der Schweiz genutzt, was sich in der Dienstleistungsbilanz niederschlägt.
Werden Güter- und Dienstleistungsbilanz addiert, erkennt man, dass das gesamte U.S. Handelsbilanzdefizit gegenüber der Schweiz bis 2018 um Null oszillierte, während der Pandemie aus den erwähnten Gründen kurz anstieg, und dann 2022 und 2023 wieder verschwand. Im 2024 betrug das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber der Schweiz knapp 10 Milliarden Dollar. Befragt zum in den Medien vieldiskutierten Telefongespräch zwischen ihr und dem U.S. Präsidenten vor dem Nationalfeiertag, erklärte unsere Bundespräsidentin an einer Pressekonferenz (siehe 10 vor 10 vom 7.8. 2025): «Ich habe sehr wohl zugehört. Aber ich habe nicht akzeptiert, dass man sagt, die Schweiz ist für einen Verlust von 40 Mrd. Handelsbilanzdefizit verantwortlich». Man kann ihr da nur zustimmen. Ergänzend hätte sie sagen können, dass nach der Logik von Donald Trump die Schweiz eigentlich einen Zoll auf Dienstleistungen erheben müsste, da wir dort ein Handelsbilanzdefizit mit den USA haben. Ob das Verhandlungsresultat anders ausgefallen wäre, muss bezweifelt werden. Zudem wissen wir, dass dieser Zoll vor allem uns schaden würde.
2. Was treibt wohl den U.S. Präsidenten an?
Warum der U.S. Präsident sich nur auf den Güterhandel konzentriert, ist schleierhaft. Man kann verstehen, dass er die Produktion von gewissen Gütern wie Stahl oder allenfalls die Produktion von zentralen Komponenten in den High-Tech Branchen teilweise im Land behalten möchte (wie wir das in der Schweiz für gewisse Nahrungsmittel anstreben). Aber Uhren, Präzisionsinstrumente, Schokolade oder Medikamente? Und ob diese billiger werden, wenn sie in den USA produziert werden? Wenn es Donald Trump um die lokale Förderung von Schlüsselindustrien ginge, dürfte er nur diese mit einem hohen Importzoll versehen.
Die USA kann nicht alles produzieren. Spezialisierung ist Key. Je mehr Arbeitskräfte in den von Zöllen geschützten Industriegüterbereichen absorbiert werden, desto weniger werden diese für die ausser Acht gelassenen handelbaren Dienstleistungsbereiche zur Verfügung stehen. Und diese handelbaren Dienstleistungen sind—im Gegensatz zu einigen nicht-handelbaren wie z.B. in der Gastronomie—gut bezahlte Arbeitsplätze, welche für die künftige Entwicklung der USA entscheidend sein dürften.
Tabelle 1 zeigt die wichtigsten drei Dienstleistungsbereiche auf, in denen die USA die grössten Handelsbilanzüberschüsse gegenüber der Schweiz ausweisen bzw. die Schweiz über die grössten Handelsbilanzdefizite verfügt (die Zahlen für 2024 stehen leider noch nicht zur Verfügung): (1) Einkünfte auf Patenten, Kopierechten, Handelsmarken oder Designs, welche Schweizer Firmen nutzen; (2) Einkünfte für Grundlagenforschung und Innovation in Form neuer Produkte und Prozesse, die für Schweizer Firmen erarbeitet werden; (3) zahlreiche Dienstleistungen im Bereich Management und Administration, welche von amerikanischen Firmen für Schweizer Firmen geleistet und an sie verrechnet werden.
Tabelle 1: Dienstleistungen mit dem grössten Handelsbilanzüberschuss der USA gegenüber der Schweiz
Quelle: Eigene Berechnung auf der Basis von WTO Daten (https: //stats.wto.org/). Zugriff am 11. August, 2025.
Plausibler ist daher, dass es dem amerikanischen Präsidenten wohl primär darum geht, mit Importzöllen den Staatshaushalt zu finanzieren. Alles andere ist diesem Ziel untergeordnet und in der Argumentation vorgeschoben.
3. Was kann die Schweiz tun?
Natürlich kann man versuchen, den amerikanischen Präsidenten mit symbolischen Zugeständnissen zu besänftigen und so eine Reduktion der Zölle zu erwirken. Doch man sollte darauf achten, dass die langfristigen Folgekosten derselben nicht grösser sind als der Schaden der Zölle selbst, welche zu einem erheblichen Teil die amerikanische Gesellschaft tragen dürfte. Beispielsweise zeigen gut publizierte empirische Studien, dass während der ersten Präsidentschaft Donald Trumps die von ihm eingeführten Importzölle nahezu vollständig durch Preiserhöhungen an die US-Konsumenten weitergegeben wurden. Somit wurden die höheren Staatseinnahmen vollständig von ihnen bezahlt (Fajgelbaum et al., „The Return to Protectionism“, QJE 2020).
Schweizer Firmen werden Importzölle, wo möglich, auf die Nachfragerinnen überwälzen. Je besser das gelingt, desto mehr bezahlen die Mehreinnahmen für die U.S. Staatskasse diejenigen, die davon profitieren: die U.S. Einwohner und Einwohnerinnen. Zudem sollten Schweizer Unternehmen die wertschöpfungsstärksten Aktivitäten in der Schweiz halten, wie F&E, geistiges Eigentum und Headquarters. Werden die Warenproduktion ins Ausland verlagert, die entsprechenden Vorleistungen aber weiterhin in der Schweiz erbracht und verrechnet, verlagert sich Wertschöpfung von den Güter- zu den Dienstleistungsexporten; die Güterbilanz sinkt, während die Dienstleistungsbilanz steigt. Positiv daran ist, dass die Schweiz selbst dann, wenn „nur“ solche Vorleistungen generiert und exportiert werden, die profitabelsten und zukunftsträchtigen Aktivitäten behält.
Die Politik sollte deshalb alles daransetzen, die Standortfaktoren für Forschung und Innovation in der Schweiz zu optimieren, damit speziell die damit verbundenen Tätigkeiten in der Schweiz gehalten und zusätzliche geschaffen werden können. Zudem sollte sie sich darauf konzentrieren, das multilaterale Handelssystem mit Sitz in Genf (!) so zu reformieren, dass auch die grossen Länder wieder mehr Interesse daran haben, dieses zu unterstützen. In beiden Bereichen gibt es viel zu tun!

