Die Trump Administration verfolgt mit ihrer Zollpolitik im wesentlichen drei Ziele: Abbau des Handelsbilanzdefizits, Generierung von Fiskaleinnahmen und Produktionsverlagerung der ausländischen Firmen in die USA. Die Aussichten für das Erreichen des dritten Ziels lassen sich heute nur schwer beurteilen. Es liegen zwar einige Ankündigungen bezüglich zukünftiger Produktionsverlagerung vor. Deren Realisierung ist aber teilweise sehr ungewiss und entsprechende Pläne sind zu einem Teil zweifellos unabhängig von der US Zollpolitik gemacht worden.
Hingegen lassen sich die Erfolgsaussichten bezüglich der ersten beiden Ziele heute schon klarer beurteilen. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Preiselastizität der amerikanischen Importmengen: Sie müsste im Betrag über 1 liegen damit eine zollbedingte Erhöhung der US Güterimportpreise einen Beitrag zur Reduktion des Handelsbilanzdefizits leistet. Wenn sie im Betrag gerade 1 ist gleichen sich Mengenreduktion und Preisanstieg aus und der Effekt der Zölle auf das Handelsbilanzdefizit ist Null. Bei einer preisunelastischen Importnachfrage resultiert sogar eine Verschlechterung der Handelsbilanz. Aus US-Fiskalsicht ist diese Situation jedoch günstig, da in diesem Fall die Zollerträge durch die Erhöhung des Zollsatzes zunehmen. Es besteht grundsätzlich ein Zielkonflikt zwischen der Verringerung des Handelsbilanzdefizits und der Generierung zusätzlicher Staatseinnahmen.
Nebenbei sei erwähnt, dass aus wirtschaftshistorischer Sicht die neue US-Zollpolitik einen Versuch darstellt, die USA ins 19. Jahrhundert zurück zu bringen. Damals hatten die Nordstaaten gegen den Widerstand der Südstaaten rekordhohe Zölle von über 40% auf Industrieprodukte durchgesetzt. Neben protektionistischen Motiven spielte Fiskalüberlegungen auch damals eine wichtige Rolle. Da es bis 1894 in Friedenszeiten keine Bundeseinkommenssteuern gab, stellten die Zölle eine wichtige Einnahmequelle des Bundes dar. Tatsächlich wurde die Einführung der Einkommenssteuer nicht zuletzt als Kompensation der angestrebten Senkung der Zollsätze motiviert. Heute erleben wir das Gegenteil: Zur Senkung der Einkommenssteuer werden die Zölle erhöht.
In der Folge wollen wir hier kurz die Effekte der Trumpschen Zölle auf den Güter-Aussenhandel der USA mit der Schweiz betrachten. Die Schweiz ist wegen Ihrer sehr hohen Exportüberschüsse und dem höchsten neuen US-Zollsatz unter den Industrieländern auch von allgemeinen Interesse.
Abbildung 1 gibt die Entwicklung der entsprechenden Exporte und Importe der Schweiz in US-Dollar gerechnet quartalsweise seit 1997 wieder[1]. Wir sehen, dass die Exporte in der ganzen Periode über den Importen liegen, aber seit 2010 ist diese Differenz förmlich explodiert. Aktuell sind die Exporte nahezu fünfmal so hoch wie die Importe.
Abbildung 1: Schweizerische Güter-Exporte und -Importe gegenüber USA, 1997/Q1-2025/Q2
Was sind die Ursachen für diese eindrücklich unterschiedliche Entwicklung des Güteraussenhandels zwischen den beiden Ländern? Primär bieten sich zwei Determinanten an: Erstens die relative Preisentwicklung von importierten und heimischen Gütern und zweitens unterschiedliches Real- und Nominalwachstum mit entsprechenden Verläufen der Importe in den beiden Ländern.
In Abbildung 2 finden wir die relative Preisentwicklung der importierten Güter im Vergleich zum Konsumentenpreisindex in den beiden Ländern. Es zeigt sich, dass sich in beiden Ländern die importierten Güter relativ zur allgemein Preisentwicklung tendenziell verbilligt haben. Daher kann die Preisentwicklung prima facie kaum zur Erklärung der eklatant unterschiedlichen Exporte und Importe aus den USA beitragen.
Mehr Erklärungspotential bietet Abbildung 3, in der die Entwicklung des relativen nominellen Bruttoinlandprodukts der USA und der Schweiz wiedergegeben ist. Dabei ist zu beachten, dass beide Grössen in US Dollar ausgedrückt sind. In den Jahren 1997-2003 und ab 2012 sehen wir den aufgrund des höheren Wachstums in den USA zu erwarteten Anstieg dieser Grösse. Die entgegengesetzte Entwicklung zwischen 2003 und 2012 ist durch die Wechselkursentwicklung bedingt. In diesem Zeitraum fällt der Frankenwert des Dollars von 1.75 auf 0.9, beinahe eine Halbierung. Danach steigt dieser Wert bei relativ konstantem Wechselkurs von 0.7 auf über 1.1, ein Anstieg von gut 50%. Damit bieten sich die Wachstumsunterschiede der beiden Länder als primäre Determinante für die in Abbildung 1 dargestellte «Aussenhandelsschere» an.
Diese Vermutung wird auch durch eine ökonometrische Analyse bestätigt: Unter Berücksichtigung der Nichtstationarität der Zeitreihen finden wir mit einer Kointegrationsschätzung einen stabilen Langfristzusammenhang der Exporte aus der Schweiz mit dem US-BIP. Hingegen lässt sich kein statistisch signifikanter Effekt der relativen Importpreise nachweisen. Somit ist zu erwarten, dass die Trumpschen Rekordzölle keinen grossen Effekt auf die nominalen Schweizer Exporte in die USA und auf das bilaterale Handelsbilanzdefizit haben werden. Das im Vergleich zur Schweiz höhere US-Wachstum scheint die entscheidende Ursache für das hohe bilaterale Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber der Schweiz zu sein. Dieses Ergebnis ist eine gute Nachricht für das fiskalische Ziel der Zollpolitik: Trotz einer durch die Zollerhöhungen massiv höheren impliziten Besteuerung von US-Importen aus der Schweiz sollte sich die Steuerbasis (Importe) kaum verändern.
Abschliessend sei noch erwähnt, dass gemäss unseren Schätzungen die nominellen Importe der Schweiz aus den USA nicht nur hochsignifikant positiv vom CH-BIP abhängig sind, sondern auch ein statistisch und ökonomisch signifikanter negativer Effekt der relativen Importpreisen festgestellt werden kann (eine geschätzte Preiselastizität von ca. -1). Somit führt eine Abwertung des Dollars und eine Senkung der Importpreise zu einer Zunahme der nominellen Importe der Schweiz aus den USA und zu einer Reduktion des US-Defizits. Da die chaotische US-Aussenhandelspolitik der letzten paar Monate zu einer ca. 10% Abwertung des Dollars gegenüber dem Franken geführt hat, leistet die Zollpolitik auf indirektem Wege einen Beitrag zur angestrebten Reduktion des US Aussenhandelsdefizit.
Abbildung 2: Importpreisindex relativ zu den Konsumentenpreisindex, CH USA, 1997/Q1-2025/Q2
Abbildung 3: Relative nominale BIP Entwicklung CH USA 1997/Q1-2025/Q2, 1997/1=1
[1] Die Datenquelle für alle hier dargestellten Zeitreihen ist das Datenportal der SNB; für die CH-Zeitreihen (Datenportal der Schweizerischen Nationalbank | Datenportal der SNB) und «Fred», die Datenbank des St Louis Fed für die USA (Federal Reserve Economic Data | FRED | St. Louis Fed).

