Der Schweizerische Finanzsektor hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder negative Schlagzeilen verursacht. Insbesondere sind hier die Banken- und Finanzkrisen von 1991 und 2007/08, die Dot-Com-Blase 2000 sowie das unrühmliche Ende der CS im Frühjahr 2023 zu nennen. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage nach der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung dieses Sektors für die schweizerische Volkswirtschaft: Wie gross ist sein BIP-Anteil und? Wie hat er sich historisch entwickelt und wie lässt sich die Interaktion mit den anderen Produktionssektoren der Schweizerischen Volkswirtschaft beschreiben? Basierend auf einer wirtschaftshistorischen Analyse sollen genau diese Fragen in der Folge beantwortet werden.
Abbildung 1 gibt den Anteil des Finanzsektors (im Wesentlichen Banken und Versicherungen) am nominellen BIP für die Jahre 1890-2024 wieder[1]. Anfangs des 20ten Jahrhunderts war der BIP-Anteil mit gut 2% sehr klein bevor er in der Zwischenkriegszeit ein Hoch von nahezu 6% erreicht, um dann in den Bretton Woods-Jahren wieder auf unter 4% zu fallen. Nach dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen sehen wir eine gewaltige Expansion des Finanzsektors, die vor der letzten allgemeinen Finanzkrise in einem Maximum des BIP-Anteils von gut 12% resultiert. Danach sinkt der Anteil auf unter 9% im letzten Quartal von 2024.
Abbildung 1
BIP-Anteil des Finanzsektors in der Schweiz, 1890-2024
Was sind die wichtigsten Determinanten dieser Entwicklung? Der stetige leichte Anstieg des BIP-Anteils des Finanzsektors bis zum Zweiten Weltkrieg reflektiert einerseits eine starke Zunahme der Nachfrage nach Finanzdienstleistungen, die aus der wachsenden und sich spezialisierenden Produktion von Gütern und Dienstleistungen resultiert. Andererseits gelang es mit der Gründung der SNB 1905/07 die Effizienz des vorher stark fragmentierten Schweizerische Banken- und Finanzsystems deutlich zu steigern. Interessant ist, dass nach Ende des zweiten Weltkrieges dreissig Jahre verstrichen bis das Vorkriegsniveau von ca. 5% wieder erreicht wurde. Das ist vor allem auf das Bretton Woods Währungssystem (1946-1971/73) zurückzuführen, in dem man versuchte die Währungskonvertierbarkeit für laufende Transaktionen zu einem festen Wechselkurs mittels Kapitalverkehrs- und Zinskontrollen aufrecht zu erhalten (Stichwort «Financial Repression»). Dadurch wurde das Geschäftsfeld der international ausgerichteten Schweizer Banken stark eingeschränkt. Der Übergang zu flexiblen Wechselkursen löste in den Industrieländern eine allgemeine Deregulierungswelle der Finanzmärkte aus, von der die international ausgerichteten Banken in der Schweiz enorm profitiert haben. Die damit verbundene Überexpansion des Bankensektors mit immer dünneren Eigenkapitaldecken führten zu der grossen Finanzkrise der Jahre 2007/08, die wiederum in einer starken Verschärfung der Bankenregulierung (Basel III) resultierte. In der Konsequenz «normalisierte» sich der Anteil des Finanzsektors am BIP wieder. Aber auch schon vorher, bis 2008, verlief die Zunahme des BIP-Anteils des Finanzsektors nicht monoton. Immer wieder kam es zu Einbrüchen, insbesondere anfangs der 2000er-Jahre mit dem Platzen der Dot-com-Blase und in der ersten Hälfte der 1990er Jahre mit der schweren Krise von regional ausgerichteten Hypothekenbanken.
In der Folge wollen wir anhand von Quartalsdaten für die Jahre 1990 – 2024 die Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit näher beleuchten. Abbildung 2 zeigt uns den BIP-Anteil von Banken und Versicherungen separat. Der Versicherungsanteil schwankt nur geringfügig um ein Mittel von ca. 4%, während der Bankenanteil von anfänglich 3% auf 8% ansteigt, um dann nach der grossen Finanzkrise auf 5% zu fallen. Die Volatilität des Finanzsektors ist daher eindeutig auf die Banken zurückzuführen. Auffällig sind bei den Banken die drei «Boom-Bust-Zyklen» mit einem Anstieg des BIP-Anteils um jeweils ca. 1.5% und einer folgenden starken Abnahme dieser Grösse.
Abbildung 2
BIP-Anteile Banken und Versicherungen, CH-Quartalsdaten, 1990/I – 2024/IV
Von Interesse ist schliesslich auch noch der dynamische Zusammenhang der Produktionsentwicklung im Finanz- und Nichtfinanzsektor der Schweiz. Abbildung 3 gibt die Entwicklung der realen BIP-Beiträge der beiden Sektoren seit 1990 quartalsweise wieder. Dabei ist zu beachten, dass die Werte unterschiedlich skaliert sind damit die Bewegungsmuster vergleichbar werden. Wir sehen klar die im Allgemeinen höher Volatilität des BIP-Beitrag des Finanzsektor. Eine Ausnahme bilden die Pandemie-Jahre, welche die Nichtfinanzsektoren aus naheliegenden Gründen viel mehr beeinträchtigten. Zudem zeigt sich, dass die Veränderungen der beiden Grössen oft negativ korreliert sind. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu einer nachfrageseitigen Makroanalyse, die einen positiven Zusammenhang der Produktionsveränderungen erwarten lässt. Eine dynamische ökonometrische Analyse (VAR-Modelle) zeigt auf, dass nur kurzfristig ein schwacher, statistisch nicht signifikanter positiver Zusammenhang vorliegt. Hingegen führte eine Expansion der Produktion im Nichtfinanzsektor nach zwei Quartalen zu einer über vier Jahre dauernden hoch signifikante Beeinträchtigung des Produktionsverlaufs im Finanzsektor. Dieses Ergebnis legt den angebotsseitigen Schluss nahe, dass die beiden Sektoren an den Arbeits- und Kapitalmärkten in einem Konkurrenzverhältnis stehen und nicht komplementär sind, wie es eine nachfrageseitige Betrachtung nahelegen würde. Damit erscheint auch das immer wieder vorgebrachte Argument, dass ein «grosser» Schweizerische Finanzplatz essentiell für das Entwicklung unserer Volkswirtschaft ist, als im höchsten Grad zweifelhaft.
Abbildung 3
Reale BIP-Beiträge des Finanz- und Nichtfinanzsektors, Quartalsdaten CH 1990/I – 2024/IV
Schliesslich soll hier noch erwähnt werden, dass das Ergebnis eines fehlenden positiven Zusammenhangs der Produktionsverläufe auch für das ganze 20te Jahrhundert gefunden wurde, wobei die Bretton Woods Jahre (1946-73) eine Ausnahme sind (Baltensperger/Kugle 2017, Chapter 12, S. 206-10). Für diese Periode waren die Schweizer Banken wegen eingeschränkten internationalen Geschäftsfelder stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung im Inland abhängig und wir finden eine statistisch signifikante positive dynamische Interaktion zwischen Finanz- und Nichtfinanzsektor.
[1] Die Quelle für die Daten bis 1990 ist: Baltensperger/Kugler (2017, Swiss Monetary History since the Early 19th Century, Cambridge University Press). Alle anderen Zeitreihen stammen vom Datenportal der SNB (Datenportal der Schweizerischen Nationalbank | Datenportal der SNB).

