Co-Autor Benjamin Jansen
Die aktuelle Diskussion rund um den Konflikt im Gazastreifen illustriert sehr deutlich, wie schwierig es sein kann, sich einem Denken in Lagern zu entziehen. Wer Ausgleich, Toleranz oder vielleicht sogar Versöhnung anstrebt, hat in solchen Debatten einen schweren Stand. Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel auch jene während der Corona Pandemie, scheinen einem Trend hin zu einer stärkeren emotionalen Polarisierung zu folgen. In unserer aktuellen Forschungsarbeit haben wir versucht diese Polarisierung über die Zeit mit verschiedenen Ansätzen zu vermessen.
Freund-oder-Feind-Denken bereitet Sorge
Es wird viel über die Zerrissenheit oder die Gegensätze in der Schweizer Politik gesprochen (und geschrieben). Ja, die Bevölkerung in der Schweiz ist äusserst vielfältig, mit ganz unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen über die Welt. Und ja, über die Zeit hat diese Vielfalt an Ansichten wohl noch zugenommen. Entsprechend haben sich auch die Parteien ausdifferenziert. Jene an den Rändern haben ihre Ausrichtung angepasst und sind ideologisch weiter auseinandergerückt, was sich in ihren Wahlprogrammen zeigt und durch die Einschätzungen von Experten bestätigt wird (siehe z.B. Bochsler et al. 2015). Gleichzeitig scheint sich auch die Qualität des Diskurses verändert zu haben. Gegensätze scheinen immer weniger auf den politischen Inhalt beschränkt, während die Toleranz gegenüber Leuten mit anderen Vorstellungen und Meinungen abzunehmen scheint. Die Ablehnung der politischen Positionen wird auf die Ablehnung der Personen übertragen, so das Argument. Die Personen der anderen Gruppe sind einem weniger sympathisch. Zusammengefasst, es besteht die Sorge, dass die Bürgerinnen und Bürger den Parteien heute emotional extremer gegenüberstehen als früher – sie also stärkere Sympathien für die Parteien, die ihnen nahestehen, und stärkere Antipathien für die anderen Parteien hegen.
Emotionale Polarisierung
Dieses Phänomen wird in der Fachliteratur emotionale oder affektive Polarisierung genannt (siehe z.B. Iyengar et al., 2012, Reiljan et al. 2024 oder Wagner 2024). Verschiedene politische Missstände in westlichen Demokratien wurden bereits mit affektiver Polarisierung in Verbindung gebracht. Die Verbreitung gehässiger politischer Diskurse zum Beispiel, sinkendes Vertrauen in die Politik, Blockaden im parlamentarischen Prozess, oder eine politische Entfremdung der Bürgerinnen und Bürger, die mit geringerer politischer Beteiligung und Unterstützung für die Demokratie und die Gewaltenteilung einhergeht. Die statistischen Belege für solche Zusammenhänge sind jedoch noch recht dünn.
Messung über Umfrage
Gemessen wird die affektive Polarisierung typischerweise anhand von Befragungen, in denen die Teilnehmenden gebeten werden politische Parteien zu bewerten. Im Kontext der Schweiz wird also abgefragt, inwiefern Personen die grossen Parteien, wie beispielsweise die SP, die FDP oder die SVP mögen oder nicht. Oder im Fachjargon: verbindet eine befragte Person mit der Partei eher hohe (positive) Affekte oder eher tiefe (positive) Affektwerte, d.h. nur wenig Sympathie?[1] Wir reden von einer Person als stark affektiv polarisiert, wenn sich die geäusserten Sympathien für die verschiedenen Parteien stark unterscheiden.
Umfragedaten aus drei Jahrzehnten, Wahldaten aus vier Jahrzehnten
Wir haben dieses Phänomen in Zusammenarbeit mit der SRG in der Umfrage «Wie geht’s, Schweiz?» für unser Land vermessen und können uns auf die Antworten von über 10’000 Schweizer Bürgerinnen und Bürger stützen. Die Umfrage hat zwischen dem 3. April und dem 8. Mai 2023 stattgefunden. Diese neuen Umfragedaten verknüpfen wir mit früheren Daten von der Studie SELECTS aus den Jahren 1995, 1999, 2003, 2007 und 2011. Ergänzt haben wir die Umfragedaten mit Zeitreihen zum Panaschierverhalten bei den Nationalratswahlen seit 1983. Falls die parteipolitische Polarisierung zugenommen hat, so würden wir grundsätzlich erwarten, dass die Wählerinnen und Wähler in den letzten Jahren häufiger unverändert Parteilisten einlegen und weniger panaschieren.
Entwicklungen über die Zeit
Parteienstreitigkeiten sind in der Schweiz nichts Neues. Sie waren während des Kulturkampfes in den 1870er Jahren besonders ausgeprägt und wirkten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bildeten sich in der Schweiz starke Parteien an den ideologischen Polen (für einen Überblick siehe Zollinger und Traber 2023), und wenn man die Leute nach ihrer Position auf einer allgemeinen Links-Rechts-Skala fragt, so geben sie heute häufiger Positionen an den Extremen an (Tresch et al., 2020).
Unsere Ergebnisse ergänzen diese Beobachtungen aus einem emotionsbezogenen Blickwinkel. Sie zeigen zwar einerseits einen Anstieg der affektiven Polarisierung in der Schweiz zwischen 1995/99 und 2003, jedoch keinen klaren Trend danach. Zudem ist wichtig zu sehen, dass der Anstieg um die Jahrtausendwende darauf zurückzuführen ist, dass die Bürgerinnen und Bürger ihre bevorzugte Partei generell positiver bewerteten. Im Gegensatz dazu verbirgt sich hinter der recht stabilen Streuung der letzten zwanzig Jahre ein leichter allgemeiner Rückgang bei den Sympathien gegenüber den politischen Parteien, d. h. das gleiche Niveau an affektiver Polarisierung wie vor 20 Jahren scheint heute etwas stärker durch Abneigungen gegenüber anderen Parteien als durch starke Sympathien gegenüber der eigens favorisierten Partei bestimmt zu sein.
Unsere Analyse des Panaschierverhaltens bei den Proporzwahlen in den Nationalrat (d. h. dem Ausmass der Kombination von Kandidatinnen und Kandidaten verschiedener Parteien über die offenen Listen) ergibt ein ähnliches Bild: Zwischen 1983 und 2019 verändern sich die Anteile der Stimmen pro Liste, welche an Kandidatinnen und Kandidaten der präferierten Partei gehen, innerhalb eines Bandes von lediglich 4 Prozentpunkten. Ein systematischer Trend über den gesamten Zeitraum ist nicht erkennbar.
Unsere Befunde zeigen keinen eindeutigen Trend in der affektiven Polarisierung und dem Panaschierverhalten. Damit stehen sie im Gegensatz zu zwei verbreiteten Behauptungen: Erstens könnte die viel diskutierte und befürchtete Polarisierung der Massen entlang der Parteigrenzen – zumindest in den letzten zwei Jahrzehnten – eher ein Narrativ sein, das aus den USA importiert wurde. In den USA gibt es deutliche Muster, die auf eine Zunahme der affektiven Polarisierung hinweisen. In der Schweiz jedoch können wir dieses Phänomen nicht nachweisen. Zweitens scheinen sich die veränderten Parteiideologien und Themenpositionen in der Schweizer Politik bisher nicht in eine grössere Variation der affektiven Gefühle der Menschen gegenüber politischen Parteien oder in ein geringeres Panaschierverhalten übersetzt zu haben.
Muster in der Beziehung zwischen affektiver Polarisierung, politischen Einstellungen und politischer Beteiligung
Das Phänomen der affektiven Polarisierung sollte trotz der beobachteten Stabilität nicht vernachlässigt werden. Es ist nämlich statistisch mit wichtigen demokratischen Einstellungen und der Bereitschaft verbunden, sich aktiv in der Politik zu engagieren. Personen, die stärker affektiv polarisiert sind, geben unter anderem an eher abzustimmen, zu diskutieren, an politischen Versammlungen teilzunehmen, Volksinitiativen und fakultative Referenden zu unterzeichnen und auch eher zu versuchen, andere von politischen Positionen zu überzeugen. Das gleiche Muster zeigt sich für die Bereitschaft ein politisches Amt zu übernehmen. Dies obwohl die Übernahme eines politischen Amtes, ein Mindestmass an parteiübergreifender Zusammenarbeit erfordert.
Obwohl Personen, die stärker affektiv polarisiert sind, gleichzeitig eine tiefere Zufriedenheit mit dem demokratischen System in der Schweiz äussern, scheinen sie nach wie vor Vertrauen in die parteiübergreifenden Regierungsorgane der Schweiz zu haben.
Politische Rechenschaft
Diese Befunde legen nahe, dass die affektive Polarisierung eine wesentliche Kraft ist, die zur Aufrechterhaltung eines herausfordernden politischen Diskurses beiträgt. Dennoch ist unklar, ob der durch die affektive Polarisierung geprägte demokratische Wettbewerb zu wünschenswerten Anreizen für die konkurrierenden Parteien führt. Wie produktiv ist eine Mobilisierung, die stark geprägt ist von Personen, die nur wenig Sympathie für das politische Gegenüber aufbringen können? Und kann der politische Wettbewerb noch spielen, wenn fraglich ist, ob Missmanagement und persönliches Fehlverhalten überhaupt sanktioniert werden, weil Amtsträgerinnen und Amtsträger überwiegend aufgrund von Parteizugehörigkeit gewählt werden? Die zukünftige Forschung sollte versuchen, die Auswirkungen von affektiver Polarisierung auf genau jene Mechanismen zu untersuchen, welche als die wichtigsten Kräfte für wünschenswerte demokratische Ergebnisse angesehen werden.
Ausblick
Im Schweizer Kontext stellen sich viele Anschlussfragen, was die Bestimmungsgründe der affektiven Polarisierung und ihre Auswirkungen auf den politischen Prozess angeht. Insbesondere ist offen wie jene Institutionen, welche die Demokratie in der Schweiz prägen, die Kräfte verstärken oder mässigen, die zur affektiven Polarisierung beitragen? Welche Rolle spielen z.B. Initiativen, die polarisierende Themen aus dem repräsentativdemokratischen Wahlprozess herauslösen, für die affektive Polarisierung? Oder wie wirkt sich im Schweizer Föderalismus der dezentrale Umgang mit politischen Themen darauf aus, ob Parteien Themen ideologisch vereinnahmen? Und fördert oder vermindert dies letztlich die affektive Polarisierung? Entsprechende Einsichten sind wichtig, um unsere demokratischen Konfliktlösungsmechanismen im Hinblick auf neue Herausforderungen mit einer stärker emotionalen Politik weiterentwickeln zu können.
Die ausführliche Studie finden Sie hier: https://edoc.unibas.ch/96384/1/2024_04_Affective_Partisan_Polarization_and_Citizens__Attitudes_and_Behavior_in_Swiss_Democracy.pdf
SRF berichtet über die Forschung von Alois Stutzer und Benjamin Jansen: https://www.srf.ch/news/dialog/studie-zur-polarisierung-schweiz-politische-graeben-sind-nicht-groesser-geworden
Referenzen
Bochsler, Daniel, Regula Hänggli und Silja Häusermann (2015). “Consensus lost? Disenchanted democracy in Switzerland”. Swiss Political Science Review 21 (4), 475–490.
Iyengar, Shanto, Gaurav Sood und Yphtach Lelkes (2012). “Affect, Not Ideology: A Social Identity Perspective on Polarization”. Public Opinion Quarterly 76 (3), 405–431.
Reiljan, Andres, Diego Garzia, Frederico Ferreira da Silva und Alexander H. Trechsel (2024). “Patterns of Affective Polarization toward Parties and Leaders across the Democratic World”. American Political Science Review 118 (2), 654–670.
Tresch, Anke, Lukas Lauener, Laurent Bernhard, Georg Lutz und Laura Scaperrotta (2020). Eidgenössische Wahlen 2019. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Selects and FORS, Lausanne.
Wagner, Markus (2024). “Affective polarization in Europe”. European Political Science Review, 1–15.
Zollinger, Delia und Denise Traber (2023). “The ideological space in Swiss politics: Voters, parties, and realignment”. In: The Oxford Handbook of Swiss Politics. Ed. by Patrick Emmenegger, Flavia Fossati, Silja Häusermann, Yannis Papadopoulos, Pascal Sciarini und Adrian Vatter. Oxford: Oxford University Press. Chap. 7, 116–136.
[1] Der genaue Wortlaut in der Umfrage «Wie geht’s, Schweiz? 2023» lautet: «Jetzt möchten wir gerne wissen, was Sie über einige der politischen Parteien denken. Stufen Sie bitte die MITTE, FDP, SP, SVP, GRÜNE, GLP und EVP auf einer Skala von 0 bis 10 ein. 0 bedeutet, dass Sie diese Partei überhaupt nicht mögen. 10 bedeutet, dass Sie diese Partei sehr mögen.».

Ich würde es begrüssen, wenn die Daten, die gemessen wurden optisch aufgearbeitet graphisch dargestellt würden.
Im Allgemeinen hinkt Europa den Trends aus den USA hinterher. Die USA hat im Gegensatz zu Schweiz ein zwei Parteiensystem, was hat das für Auswirkungen?
Zeigt die Entwicklung der Rechten in Frankreich un der Wahlergebnisse in Polen evtl. eine Abkehr von der Polarisierung?
Die Schweiz hat mit der SVP eine Grosspartei die verbal radikalisiert – affektiv polarisiert in einer Form wie man das in Deutschland nur von der rechtsradikalen AfD kennt. Ist die Schweiz stärker affektiv polarisiert als Deutschland? Und früher?
Wie steht die Schweiz in der affektiven Polarisierung im europäischen Vergleich da?
Vielen Dank! Verschiedene Darstellungen der ausgewerteten Daten (sowohl zu den Umfragedaten als auch zu den Panaschierstatistiken) sind in unserem aktuellen Working Paper enthalten: https://edoc.unibas.ch/96384/
Das von uns verwendete Mass zur Berechnung der affektiven Polarisierung von Wagner (2021) ist technisch gegen eine unterschiedliche Anzahl von Parteien (wie auch Parteigrössenkonstelationen) robust. Inwiefern eine proportionale Repräsentation von Wählerinnen und Wählern resultierend in (oder aus einem) Mehrparteiensystem die affective Polarisierung im Vergleich zu einem Zweiparteiensystem tatsächlich stärkt oder schwächt ist in der Literatur noch umstritten.
Wagner, Markus (2021). “Affective polarization in multiparty systems”. Electoral Studies 69,
p. 102199.