„Dene wos guet geit“ Nullsummendenken ist in der Schweiz über Parteigrenzen weit verbreitet

Ko-Autorin, Kelly Liu

Viele Menschen in der Schweiz sehen Wohlstandsmehrung als Nullsummenspiel, bei dem die einen nur gewinnen können, wenn die anderen verlieren. In einer aktuellen Studie zeigen wir auf, welche Unterschiede in diesem «Nullsummendenken» in der Schweizer Bevölkerung bestehen und wie diese mit politischen Einstellungen in Verbindung stehen. Nullsummendenken kommt in allen Altersgruppen, Bildungs- und Einkommensklassen vor. Zudem können Nullsummendenker nicht eindeutig einer politischen Partei zugeordnet werden. Unter Anhängern jeder Partei ist Nullsummendenken bis zu einem gewissen Grad verbreitet, obschon es im linken politischen Spektrum durchschnittlich etwas stärker ausgeprägt ist. Unabhängig von ihren Parteisympathien stehen Menschen mit stärkerem Nullsummendenken dem Kapitalismus, wie auch der Idee von Trickle-down, d.h. dass der Wohlstand der Reichen über Konsum und Investitionen auf untere Schichten durchrieselt, und der Sicht, dass Arbeit sich lohnt eher skeptisch gegenüber. Stattdessen vertreten sie eher die Meinung, das Wohlstandsgefälle in der Schweiz sei zu gross und befürworten stärkere Umverteilung. Daneben geben Befragte mit stärkerem Nullsummendenken im Durchschnitt eine tiefere Lebenszufriedenheit an.

«Dene wos guet geit, giengs besser
Giengs dene besser wos weniger guet geit
Was aber nid geit, ohni dass′s dene
Weniger guet geit wos guet geit»

(Hans Peter «Mani» Matter, «Dene wos guet geit»)

Der Berner Chansonnier Mani Matter brachte zum Ausdruck, was viele Menschen in der Schweiz auch heute noch zu denken scheinen, wenn es um Wohlstandsmehrung geht: Den Wohlhabenden ginge es besser, wenn es auch den Benachteiligten besser ginge – aber das ist nicht möglich, ohne dass die Wohlhabenden etwas abgeben. Mit anderen Worten, Wohlstand ist ein fixer Kuchen, bei dem jemand nur ein grösseres Stück bekommen kann, wenn jemand anderes ein kleineres Stück erhält. 

In einer 2024 durchgeführten Umfrage der SRG wurden über 11’000 Menschen in der Schweiz nach ihrer Einschätzung auf einer Skala von 0 bis 10 gefragt, ob Wohlstand so wachsen kann, dass genug für alle da ist (Skala-Wert 0), oder ob die Menschen nur auf Kosten ihrer Mitmenschen reich werden können (Skala-Wert 10). Abbildung 1 zeigt, rund 30% der Befragten gaben dabei einen Wert von 7 oder höher an, das heisst, fast ein Drittel der Schweizer Bevölkerung legt beim Thema Wohlstand ein starkes Nullsummendenken an den Tag. Ein weiteres Drittel der Befragten (33%) hingegen gab einen Wert von 3 oder tiefer an, sie sehen Wohlstand also als wachsenden Kuchen, von dem alle profitieren können.

Abbildung 1 – Nullsummendenken in der Schweiz 2024

Die dargestellte Verteilung basiert auf den Angaben von 11’352 Befragten. Die Beobachtungen sind gewichtet, sodass die Stichprobe repräsentativ für die Schweizer Bevölkerung ist.

Quelle: Liu und Stutzer (2025).

Der hohe Anteil an Nullsummendenkerinnen und -denker mag erstaunen angesichts des über Jahrzehnte erlebten Wirtschaftswachstums in der Schweiz. Die Schweiz ist jedoch kein Ausreisser. Auch in anderen reichen westlichen Volkswirtschaften ist das Nullsummendenken gemäss dem World Values Survey weit verbreitet.1

1Die Webseite des World Values Survey dokumentiert Zeitreihen zum Nullsummendenken (Variable: Wealth Accumulation) in verschiedenen Ländern rund um die Welt: https://www.worldvaluessurvey.org/WVSOnline.jsp

Die Nullsummensicht als grundlegendes Denkmuster

In einem klassischen Nullsummenspiel ist der Gewinn des einen der Verlust des anderen. Wenn Menschen die Welt generell als Nullsummenspiel wahrnehmen, fühlen sie sich einem konstanten Konkurrenzkampf um begrenzte Ressourcen ausgesetzt. Dies kann das Denken in einer «ich gegen dich» oder «wir gegen sie» Perspektive fördern und die Bereitschaft zur Kooperation oder Kompromissfindung reduzieren. Problematisch wird dies insbesondere dann, wenn Menschen ein solches Nullsummendenken als grundlegendes Denkmuster oder Weltbild annehmen, auch wenn die tatsächlichen Gegebenheiten nicht einer Nullsummensituation entsprechen, und sie somit Möglichkeiten für beidseitige Tauschgewinne verpassen.

Gleichzeitig können sich politische Akteure dieses Weltbild zunutze machen. Zum Beispiel werden politische Narrative zum internationalen Handel verbreitet, die den Austausch von Gütern als Nullsummenspiel darstellen, bei dem die Produzenten der eingeführten Güter im Ausland gewinnen auf Kosten der Industrie im Inland. Dies etwa als Strategie mit dem Ziel, die Zustimmung für protektionistische Massnahmen zu erhöhen. In der Migrationsdebatte bemüht die einwanderungskritische Seite eine ähnliche Nullsummenrhetorik, bei der Arbeitsstellen entweder an Einheimische oder Zuwanderer gehen können.

Woher die Denkmuster kommen und weshalb diese Rhetorik so attraktiv ist, wird jedoch noch nicht wirklich verstanden. Wir haben uns in unserer Arbeit auf die Verbreitung eines solchen Nullsummen-Denkmusters konzentriert.

Keine klaren Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass Nullsummendenken sich nicht klar auf bestimmte Bevölkerungsgruppen in der Schweiz zurückführen lässt. Weder Alter, Geschlecht noch Bildungsniveau oder Einkommen erklären das Phänomen eindeutig. Auch entlang der politischen Parteien sind nur geringe Unterschiede zu finden. Wie aus Abbildung 2 ersichtlich wird, geben Menschen mit Präferenzen für linke Parteien wie etwa die Grünen oder die SP im Durchschnitt zwar etwas höhere Werte an, und am wenigsten verbreitet scheint die Nullsummensicht auf wirtschaftliche Prozesse unter den Anhängern der Parteien FDP und SVP. Insgesamt finden sich Nullsummendenker jedoch in den Anhängergruppen aller Parteien der Schweiz. Das legt nahe: Nullsummendenken ist nicht einfach ein Merkmal einer spezifischen gesellschaftlichen Gruppe oder Parteizugehörigkeit, sondern ein Denkmuster, das über Gruppen hinweg verbreitet ist.

Abbildung 2 – Gewichtete/r Verteilung und Mittelwert des Nullsummendenkens nach Parteipräferenz

Parteipräferenz wurde mit der folgenden Frage erhoben: «Wenn am nächsten Sonntag schon Nationalratswahlen wären, welcher Partei würden Sie heute Ihre Stimme hauptsächlich geben?». Die Verteilungen setzen sich aus folgenden Stichprobengrössen zusammen: Grüne: 1’013, SP: 2’038, GLP: 946, Mitte: 1’004, FDP: 881, SVP: 800, andere Parteien2: 1’399, keine Partei3: 469, keine Teilnahme4: 212. Die Beobachtungen sind gewichtet, sodass die Stichprobe repräsentativ für die Schweizer Bevölkerung ist.

Quelle: Liu und Stutzer (2025).

2Dies umfasst die Antwortmöglichkeiten: Evangelische Volkspartei, Lega dei Ticinesi, Christlich-soziale Partei, Alternative Linke, Eidgenössisch-Demokratische Union, Piratenpartei, Mouvement Citoyens Romand, eindeutig andere Partei, mehrere Parteien gleich, kann mich nicht entscheiden.

3Dies umfasst die Antwortmöglichkeiten: Keine Partei, leere Liste.

4Antwortmöglichkeit: Würde nicht teilnehmen.

Skepsis gegenüber Kapitalismus und Meritokratie

Die generelle Verbreitung zeigt sich auch in weiteren Ergebnissen der Studie, die klare Zusammenhänge zwischen Nullsummendenken und politischen Einstellungen findet. Menschen mit starkem Nullsummendenken sind eher der Meinung, dass Kapitalismus nicht funktioniert und abgeschafft werden sollte. Ausserdem glauben sie weniger an einen Durchsicker-Effekt oder Trickle-down-Mechanismus – also die Idee, dass wirtschaftlicher Aufschwung bei den Wohlhabenden langfristig auch den weniger Privilegierten zugutekommt. Sie sind auch skeptischer gegenüber dem Prinzip der Meritokratie, gemäss dem z. B. Führungspositionen aufgrund von Leistung vergeben werden oder generell, dass Arbeit sich lohnt. Parallel dazu vertreten Nullsummendenker eher die Meinung, dass das Wohlstandsgefälle in der Schweiz zu gross ist und Reichtum stärker besteuert werden sollte. Diese Zusammenhänge bestehen unabhängig von sozioökonomischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungs- und Einkommensklasse oder Parteisympathien. Entsprechend finden wir auch innerhalb der FDP oder SVP, dass jene Anhänger mit stärkerem Nullsummendenken skeptischer gegenüber der Marktwirtschaft sind, während innerhalb der Grünen oder SP auch Menschen mit wenig ausgeprägtem Nullsummendenken zu finden sind, die sich weniger stark für den Ausbau von Umverteilung in der Schweiz aussprechen. Abbildung 3 zeigt die zugehörigen ökonometrischen Schätzresultate. Negative Koeffizienten weisen aus, dass Personen mit stark ausgeprägtem Nullsummendenken die jeweilige politische Sicht mit geringerer Wahrscheinlichkeit teilen als Personen mit einem eher an Positivsummen orientierten Weltbild.

Abbildung 3 – Zusammenhang von Nullsummendenken und politischen Einstellungen

Die Abbildung zeigt die Log-Odds-Ratios aus Logit-Schätzungen zum Zusammenhang zwischen Nullsummendenken (Skala 0–10) und politischen Einstellungen. Grundlage sind Zustimmungsdaten (1 = «stimme zu», 0 = «stimme nicht zu») zu fünf Aussagen. Ein Koeffizient unter Null steht für einen negativen Zusammenhang zwischen Nullsummendenken und der aufgeführten politischen Sicht, bspw. sinkt mit stärkerem Nullsummendenken die Zustimmung zur Aussage «Kapitalismus funktioniert und sollte beibehalten werden». Gibt z.B. eine Person einen Wert von 10 anstatt 0 an bezüglich Nullsummendenken, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit der Unterstützung für den Kapitalismus von durchschnittlich 63,1% auf 39,5%. Ein Koeffizient über Null steht für einen positiven Zusammenhang, bspw. steigt mit stärkerem Nullsummendenken die Zustimmung zur Aussage «Das Wohlstandsgefälle zwischen Reich und Arm ist in der Schweiz zu gross». Weitere Details zur Schätzung sowie zu den Grössenordnungen der Zusammenhänge können in der Studie Liu und Stutzer (2025) gefunden werden.

Quelle: Liu und Stutzer (2025).

Sind Nullsummendenker unglücklicher?

Menschen mit stark ausgeprägtem Nullsummendenken geben ausserdem im Durchschnitt eine tiefere Zufriedenheit mit ihrem Leben an als die anderen. Dieses geringere subjektive Wohlbefinden ist unabhängig davon, wie gebildet oder wohlhabend man ist. Weshalb dies so ist, lässt sich mit den Daten nicht näher ergründen. Möglich ist, dass die konstante Wahrnehmung von Knappheit, Konkurrenz und Benachteiligung zu Empfindungen wie Stress, Ängstlichkeit und Frustration beiträgt, was das subjektive Wohlbefinden direkt beeinträchtigt. Denkbar ist aber auch, dass Nullsummendenken einen indirekten Einfluss auf die Lebenszufriedenheit ausübt, indem es das Verhalten verändert und so zu schlechteren Erfahrungen führt. Zum Beispiel investieren Nullsummendenker aufgrund ihres ausgeprägten Konkurrenzbildes möglicherweise weniger in soziale Beziehungen, sei es im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz. Dies kann sich in einer geringeren sozialen Unterstützung, weniger Vertrauen und einem reduzierten Zugehörigkeitsgefühl niederschlagen – Faktoren, die zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führen können und nicht mit sozioökonomischen Faktoren eingefangen werden. Aber auch ein kausaler Zusammenhang in die umgekehrte Richtung ist nicht auszuschliessen: Wer Erfahrungen von Mangel oder Ungerechtigkeit gemacht hat, die bleibend die Lebenszufriedenheit mindern, entwickelt möglicherweise über die Zeit ein Nullsummendenken.

Schlussfolgerungen oder warum wir Nullsummendenken im Auge behalten sollten

Wenn es die Erfahrung von Bedrohungen ist, die zur Herausbildung einer allgemeinen Nullsummendenkweise beiträgt, können wir die Ergebnisse von Umfragen als Warnsignal dafür nehmen, dass wir heute in unserem politischen und wirtschaftlichen System viele solcher Erfahrungen «produzieren». Oder anders ausgedrückt, wir sollten das Phänomen Nullsummendenken im Auge behalten. Es weist uns darauf hin, Bedingungen zu schaffen, die zu Positivsummenerfahrungen oder eben «win-win-Situationen» führen. Vielleicht müssen wir die Treiber einer solchen Denkweise aber auch breiter suchen. Wenn Interaktionen in vielen Bereichen als Turnier dargestellt werden, wo wir entweder weiter oben oder weiter unten rangieren können, dann kann dies zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden, und wir sehen unsere Umgebung tatsächlich als Nullsummenwelt.

Die ausführliche Studie finden Sie hier: https://wwz.unibas.ch/fileadmin/user_upload/wwz/00_Professuren/Stutzer_Politische_Oekonomie/Publications/Liu_Stutzer_Zero-SumBeliefsSwitzerland_WWZ_WP02-2025.pdf

SWI swissinfo berichtet über die Forschung von Alois Stutzer und Kelly Liu: https://www.swissinfo.ch/ger/swiss-abroad/gegeneinander-statt-miteinander-solches-nullsummendenken-gibt-es-links-wie-rechts/89448075

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